Den Ostlingen eine Stimme geben
oder
das Schöne im
Hässlichen
Vorbemerkung: Der Text enthält Spoiler - erst lesen, wenn Band 3 und
Band 4 durch sind!
Ich weiß nicht, ob es anderen Lesern auch so ging, aber ich hätte im
Herrn der Ringe zu gern mehr über die Ostlinge und die Haradrim erfahren. Wer
waren diese gesichtslosen Menschen, die sich bereitwillig mit den Orks
verbündeten? Es heißt, sie seien durch Saurons falsche Versprechungen
verlockt worden. Aber was müssen das für Versprechungen gewesen sein? Der
Tolkien-Leser erfährt viel über all die Könige von Gondor, alle
Linien edler Menschen und Elbenfreunde, und nur sehr wenig über die anderen
Menschen, die auf der falschen Seite kämpften.
Hier wollte ich ansetzen. In den Bänden 1 und 2 habe
ich die Haronen dargestellt, die meisten von ihnen scheußlich und gewalttätig,
wenn auch nicht alle. Jetzt wollte ich eine Figur in den Mittelpunkt zu stellen, die auf der
Seite der Haronen steht. Das ist noch nicht schwer. Diese Figur aber zum
Sympathieträger zu machen, den Leser mit ihr leiden zu lassen, obwohl der doch
weiß, dass die Figur auf der Seite der "Bösen" kämpft - das
war die eigentliche Herausforderung. Ich hoffe, dass mir das gelungen ist. Mit
Flick und den Kornen haben die Ostlinge eine Entsprechung in Norlan bekommen. Der
Leser erfährt nicht nur, wie sie dazu gekommen sind, auf Seite der Haronen in den
Kampf zu ziehen - er muss auch erfahren, dass sie überhaupt keine andere Wahl
hatten. Oder wo auf seinem Weg hätte Flick sich anders entscheiden sollen? Hätte
er ein Leben als Tellerwäscher annehmen sollen? Mal abgesehen davon, dass die
Ikilaner ihn abgelehnt haben: Es gibt wohl keine Biographien pubertierender
Kleinkrimineller, in denen sich die Betroffenen konflikt- und reibungslos in die
Routine der Arbeitsgesellschaft integrieren lassen.
Das zweite Thema der Bände 3 und 4 kann Das Schöne im Hässlichen
oder auch Das Hässliche im Schönen heißen. Das Entwerfen
der Länder Korn und Ikila hat mir so viel Vergnügen bereitet, dass ich
mir manchmal gewünscht hätte, einen ganzen Roman damit zu füllen.
Vielleicht kommt das irgendwann auch noch. Auf den ersten Blick scheint die Sache
klar zu sein: Korn ist die hässlichste aller Städte, mit seinen Ratten, den
Leichen und dem immerwährenden Regen; und Ikila, eine Insel des schönen Wetters,
mit glücklichen Menschen und blühenden Landschaften das perfekte Gegenteil.
Wer könnte die kornischen Diener nicht verstehen, die lieber auf Ikila als in
ihren tristen Heimat leben?
Doch dann entpuppt sich Ikila als ebenso falsch wie Cowslips Gehege in Watership
Down. All der Reichtum und der Wohlstand sind auf dem Leid Korns aufgebaut, und
zur Wahrung ihres Besitzstands gehen die Ikilaner über Leichen. Und wo ist
das Schöne im Hässlichen? Wo findet man in diesem Rattenloch Korn etwas
Schönes? Damit meine ich niemand anderen als Flick. Einen Handlanger der Haronen,
der für sie mordet und brandschatzt - vielleicht etwas merkwürdig. Aber es
sollte deutlich werden, dass aus Flick ein besserer Mensch geworden wäre, wenn
die Umstände es zugelassen hätten. So wie man in unserer heutigen Zeit
Kindersoldaten als Opfer und nicht als Täter ansieht, so sollte man auch Flick
betrachten - und anerkennen, dass er trotz allem bestimmte Grenzen nicht
überschreitet. Er mag seinen Bruder nicht töten. Er weigert sich, eine
Vergewaltigung zu begehen. Und er erinnert sich im entscheidenden Moment, was ihn
selbst anfangs auf den fatalen Weg gebracht hat.
Ich will es nicht abstreiten, Flicks Tod am Ende von Band 4 war eigentlich fest
eingeplant. Aber als ich dann so weit war, wollte ich nicht mehr. Nachdem er von
so vielen Menschen betrogen, gepeinigt, belogen und misshandelt wurde, war es
mir nur noch ein Bedürfnis, den letzten Satz zu schreiben: Niemand sprach, und
niemand sah, dass Flick sein Auge geschlossen und lächelnd den Kopf zurückgelegt
hatte.
Bild: Von
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Aoyama),
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